Sächsiche Zeitung - Lokalausgabe Radebeul
Wegebau statt Baikal-Urlaub - Ein Interview mit Renate und Hans-Jürgen Walther Camp 2 - Werchne Angara/ Nordbaikal sowie Camp 7 in Taximo
Sächsische Zeitung vom 12. Oktober 2005
von Lars Müller
Als Renate und Hans-Jürgen Walther aus Radebeul in Berlin-Schönefeld bei der russischen Aeroflot eincheckten, wirkten sie wie ganz normale Rucksacktouristen. Doch vor den Beiden lag ein siebenwöchiger Arbeitseinsatz in der Taiga und am Baikalsee.
"Uns hat das Abenteuer gelockt", erinnert sich Hans-Jürgen Walther. Der Zeitpunkt habe einfach gepasst: Die Jobsituation daheim war mies, die erwachsenen Kinder aus dem Haus. Dem Ehepaar drohte sprichwörtlich die Decke auf den Kopf zu fallen. Da erschien in der SZ eine Meldung, wo Freiwillige für den Bau eines Wanderwegs in Sibirien gesucht wurden. Als Aussteiger auf Zeit suchten die Walthers noch einmal eine ganz persönliche Herausforderung - und meisterten sie.
Die Familie hat vor 15 Jahren, genau um die Wendezeit, in der Mongolei gelebt. Der Geologe Walther war dort als Bohrtechniker im Einsatz. Den Baikalsee kannten sie, haben Freunde in Ulan Ude, einer der ältesten Städte Sibiriens. Also sind die Radebeuler mit dem Leben in Sibirien halbwegs vertraut, unüberwindbare Sprachbarrieren drohen nicht.
Schuften in der Taiga
Dem Abenteuer stand nichts im Wege. Vor Ort waren sie in das internationale Projekt "Great Baikal Trail" integriert, bei dem ein 1 800 Kilometer langer Wanderweg um den Baikalsee errichtet werden soll. "Eigentlich kaum umzusetzen", gibt Walther zu. Viel zu schnell erobert sich die Natur den Weg zurück. Doch zum Aufbau eines sanften Tourismus seien zumindest Etappen des Weges schon hilfreich. Abseits jeglicher Zivilisation, inmitten der unendlichen Weiten Sibiriens, machten sich die Walthers ans Werk. Ihre Mitstreiter waren zumeist Studenten aus den USA, aus Skandinavien und aus Russland. Das Wetter passte und so schafften sie gemeinsam etwa drei Kilometer Wanderweg.
Sämtliches Material musste aus der Natur beschafft werden. Bäume fällen, entrinden, zersägen und daraus den Wanderweg teils über sumpfiges Gebiet zimmern war schon eine körperliche Herausforderung, sagt Walther. "Wir können sowieso nicht faulenzen, das ist nicht unsere Mentalität." So beteiligten sich die Radebeuler auch gleich noch an einem zweiten Projekt, indem abseits vom Baikalsee eine Holztreppe zu einer Höhle mit steinzeitlichen Malereien durch unwegsames Gelände errichtet wurde.
Übernachtet wurde während der ganzen Zeit in Zelten, die Verpflegung kam aus Konserven oder frisch von den einheimischen Russen und Burjaten. Verzicht auf Luxus ist für die Radebeuler kein Problem, nur der ewige Kampf gegen Mücken, Bremsen und Zecken war auf Dauer doch eine Belastung.
Bären bleiben in der Deckung
Wild lebende Bären bekamen die Walthers trotz einiger Expeditionen nicht zu sehen, und von der aufgrund sozialer Unterschiede allgegenwärtigen Kriminalität blieben sie auch verschont. Ihr Fazit fällt ausschließlich positiv aus: "Das Abenteuer hat sich gelohnt", so der Bohrtechniker. Wenn es die Gesundheit erlaubt, wollen die Walthers "vielleicht in zehn Jahren" ein drittes Mal nach Sibirien - dann aber nicht zum Arbeitseinsatz.
Renate Walther ist als Pharmareferentin wieder viel auf Achse, ihr Mann Hans-Jürgen hat schon sein nächstes Abenteuer bestanden: Er simulierte in einem Rollenspiel der US-Army im bayerischen Hohenfels einen Islam-Prediger. Soldaten werden in dem Übungscamp auf ihren Irak-Einsatz und den Umgang mit Zivilisten vorbereitet.
