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Camp 28 im Bargusintal vom 29.08. - 11.09.2005

von Alexander Ruhri*

Während der Fahrt machen wir Kennenlernspiele und bekommen von unserem Brigadir Anja alles erklärt. Zhanna, die mich am Bahnhof abgeholt hat, ist unser Dolmetscher. In der Tat ist es aber so, dass bis auf drei alle zumindest Radebrechen können.

Die Straße, auf der wir fahren ist zum Großteil eine einfache Sandpiste, an einigen Stellen sogar asphaltiert. Insgesamt fahren wir etwa neun Stunden durch Kiefern- und Birkenwälder bis Kurumkan. Kurumkan ist Bezirkshauptstadt, wir merken nicht viel davon. Sandwege, Hütten, ein paar Läden. Wir werden verköstigt und satteln auf andere Busse um. Das Gepäck fährt mit einem Geländewagen und wir in einem knallgelben Kleinbus.

So geht es noch mal anderthalb Stunden auf schnurgerader Strecke bis zum Dorf Allá. Wir unterbrechen die Fahr nur einmal, um dem Gotte Burhan zu opfern. In Alla werden wir im Kinderlager des ewenkischen Kulturzentrums "JuKTE" einquartiert. Geschlechtertrennung.

17. 8. – 20. 8. 2005: Morgens muss ich mit Martina vor allen anderen aufstehen und Frühstück richten. Feuer machen in der Küche, Kascha kochen. Kascha ist jede Art von Grütze oder Brei. Und da gibt es durchaus Unterschiede in Geschmack und Qualität. Reisbrei ist eigentlich ganz passabel, Haferschleim auch, wenn nicht die Unmengen an Spelzen wären. Für mich immer grenzwertig ist Buchweizenkascha und ganz schlimm die so genannte Perlovka, was sich laut Wörterbuch mit Graupen übersetzen lässt. Die morgendliche Kascha wird meist süß genossen und zu diesem Zwecke mit allerlei Zutaten versehen, ganz vorne dabei sind Kondensmilch und karamellisierte Kondensmilch. Neben einigen Suppen mit Fleisch oder Fisch ist Kascha unsere Hauptnahrung. Zu jeder Mahlzeit gibt es wie in Russland üblich Brot.

Nach dem Frühstück gibt es eine ausführlich Arbeitsbesprechung und eine Führung durch das eher spärlich ausgestattete Museum des evenkischen Kulturzentrums.
Danach werden wir von einem schweigsamen, burjatischen Michael eine gute halbe Stunde den "knappen Kilometer" zum Arbeitsplatz geführt. Hinter einer Sumpfzone liegt ein wunderschöner See in der Sonne mit einem Strand aus großen Kullersteinen. Wir sollen einen Pfad für die Kinder bauen, die hier zum Lernen vorbeikommen. Der Weg, oder das Teilstück, das wir in Angriff nehmen, führt durch einen leicht morastigen Wald zum Ufer des Sees Allá. Hier heißt alles Allá. Das Dorf, der See der Fluss. Das Wort bedeutet 'Fisch' in der Sprache der Evenken. Wir schleppen Steine und pflastern damit Sumpflöcher aus, während sich eine Horde von Mücken vor allem an meinem Blut gütlich tut. Wir bauen nicht nur den Weg, sondern gestalten auch eine Feuerstelle für die Fischer neu, bauen Bänke und eine Art Mülleimer.

Eine weitere Aktion führen wir am 6 km entfernten Malygin-See durch. Dort sammeln wir ein wenig Müll und helfen, einen Knüppelsteg fertig zu bauen. Der durch mein schlechtes Gedächtnis mittlerweile leider namenlose Burjate, der uns anleitet (genauso stumm wie der andere), hat schon im Winter die senkrechten Pfähle durch Löcher im Eis eingerammt. Nun legt er Quer- und darüber Längsbalken, die wir im Wald schlagen, darauf. Er selber bewegt sich im traditionellen evenkischen Wasserschuhboot, eine Art Katamaran zum drinnen stehen, das mit einer Stake bewegt wird. Unerwarteter Weise ist noch ein Teilnehmer angekommen: Ossi. Ein Rübezahl an Statur.

Großes Packen schon vor dem Frühstück. Danach Putzen. Während wir auf den Gepäcktransport warten, beginnt es zu regnen. Wir marschieren gut 2h im Regen zur Bergkette und dann in einem Tal ein wenig nach oben. Als wir eintrudeln, ist der Regen vorbei. In der Küche, die in einem Holzschuppen eingerichtet ist, brennt schon ein Feuer und das Mittagessen wird gekocht. Zwei Gebäude stehen hier mit Zimmern für Touristen. Alles sieht relativ neu oder gut renoviert aus.

Das Erholungsheim Allá, wo wir nun sind, befindet sich auf der rechten Talhälfte über dem Fluss Allá, den man von unten rauschen hört. Auf einer Lichtung im Kiefernwald stehen ein zwei Häuser und der Küchenschuppen.

Stellvertretende Hausherrin ist Zoja, eine sehr hübsche Burjatin. Sie vertritt den Großvater, der erst später in Erscheinung tritt. Wie er wirklich heißt, weiß ich nicht. Der Enkel war jedenfalls Maxim, ein richtiger Rotzbengel, aber sehr nett. Zoja ist Künstlerin und bemalt Steine, die sie als Souvenir verkauft.

Nach unserem Mittagessen werden wir von Zoja in die Örtlichkeit eingeführt. Ein Stück von den Häusern weg im Wald ist ein heiliger Platz des Buchan. An allen Bäumen hängen weiße und blaue Stoffstreifen und einige Haddaks. Aufgrund der hier zahlreich lebenden Schlangen — ich habe leider keine gesehen — gilt die Schlange als Herrin des Ortes. Eine zweite Besonderheit wird durch die in die Bäume gehängten Kinderwiegen deutlich: Paare die sich Kinder wünschen kommen hierher und hängen solche Wiegen mit Puppen in den Baum.

22.8. – 25.8.2005 : Nach dem Frühstück auf der Veranda führt uns Shoja zu den Wasserfällen. Der eine ist auf der anderen Seite des Flusses und von weitem zu sehen. Der andere ist etwas versteckter und kleiner. Dafür kann man direkt hingehen. Die Regensachen haben wir umsonst mitgenommen. Mittlerweile scheint die Sonne und es ist richtig heiß. Der Morgen war noch etwas kühl und trüb. Anja, Abe, Jon und ich beginnen den Aufstieg zum Wasserfall zu bauen. Die anderen fangen an, den Weg durch den Wald zu säubern. Wir arbeiten von oben nach unten, tragen Steine, schneiden Äste und bewegen viel.

Diese Programm setzen wir am nächsten Tag fort. Zu Mittag ist der Aufstieg fertig und wir beginnen, sturzgefährdete Bäume längs des Weges durch den Wald zu fällen. Echte Knochenarbeit mit der Handsäge und ein paar halbkaputten Äxten. Dazu kommen kleine schwarze Fliegen die sich überall hinsetzen und sich bis zum Blut durchbeißen, sehr schmerzhafte Erfahrung das ganze.

Da wir flott gearbeitet haben und das Pensum erfüllt ist, machen wir am nächsten Tag eine Bergbesteigung. Direkt hinter unserem Haus ist ein recht ansehnlicher Brocken, den wir nun erklimmen. Weg gibt es keinen, aber eine Richtung: hinauf! Über Steilhänge und Geröll. Nicht alle schaffen es bis zum Gipfel. Auch ich ruhe mich auf dem Gipfel für arme, einem Absatz etwa hundert Höhenmeter unter dem richtigen Gipfel, aus. Der Abstieg ist noch schlimmer. Ständig rutscht man, irgendwas poltert in die Tiefe. Aber die Aussicht auf das Barguzintal war die Mühe wert.

Der letzte Tag vergeht sehr geruhsam, da es regnet. Einige Fleißige malen ein Schild für den von uns gesäuberten Weg. Martina und ich haben seit gestern Küchendienst und versorgen die Brigade mit Essen. Am Abend beim Spielen passiert dann noch ein Unglück: Ossi, fällt etwas unglücklich und renkt sich die Schulter leicht aus: "Deutsche Soldat kaputt!" wie er dann später den Vorfall beschreibt.

26.8.2005: Heute ist Abreisetag. Wir müssen den sehr schönen Kurort zurücklassen. Unser Ziel ist die Halbinsel Swjatoi Nos (Heilige Nase).

Nach einem kleinen Happen fährt eine Delegation weiter, wir müssen erst mit Ossi ins Krankenhaus. Dort wird er geröngt, eingerichtet und einbandagiert. Dazu gibts noch eine Salbe für die Schulter. Alles gratis, kein Formularkram von wegen welche Versicherung dafür jetzt aufkommt. Einfach so! Das schönste ist, dass beim Röntgen der Röntgenschirm zu niedrig ist, die Standardmaximalgröße der Burjaten reicht nämlich keineswegs an Ossis Statur heran. Also muss der arme in die Knie gehen und regungslos verharren, bis die Aufnahme gemacht ist.
Danach gehts zur Bezirksverwaltung. Wir werden vom Bezirksvorstand empfangen und befragt und bedankt für unsere Arbeit.

Schon längst hätte die Marschrutka beim Dazan sein sollen, aber nichts ist gekommen. Nach der Führung werden wir von Nadja, einer Frau aus der Bezirksverwaltung, darüber aufgeklärt, dass man keinen Alkohol, den man in der Kurumkaner Gegend gekauft hat hinausbringen darf, die Geister würden das nicht erlauben. Man müsse alles austrinken. Zur Not könne man die Flaschen auch mit einem Geldstück oben versiegeln. Wir lächeln über den Aberglauben.

Mich stimmte das nachdenklich. Unser Bus war noch immer nicht da. Zur Sicherheit begannen einige das Bier zu vernichten. Auch waren schon einzelne Bierdosen und Wodkaflaschen mit Münzen, die mittels Heftpflaster auf den Deckel geklebt waren, zu sehen. Außerdem begann die Stimmung leicht abgehoben zu werden, da aus den Lautsprechern am Dazan schon eine halbe Stunde "Om mani padme hum" zu hören war. Wir sind inzwischen am Suppekochen, da erfahren wir, dass unsere Marschrutka kaputt ist. Spätestens jetzt waren alle noch nicht leeren Alkoholbehältnisse mit Münzen versehen. Und noch Tage danach in Ulan-Ude tauchten aus dem Gepäck bemünzte Bierdosen und Wodkaflaschen auf.

Auch der Versuch, Buskarten zu kaufen schlug irgendwie fehl und es gab noch einiges hektisches Hin- und Her, weil wir begonnen hatten, die Zelte aufzustellen und dann doch ein Bus kommen sollte, der aber keinen Gepäckträger hatte und somit viel zu klein war. Letztendlich bringt der Bus dann uns und unser Gepäck nach Kurumkan zu Walentina, einer anderen Administrationsangestellten, bei der wir dann im Hof die Zelte aufstellen. Den Abend verbringen wir dann in der Kneipe bei Pozy und Tee.

* gekürzt, den kompletten Bericht mit weiteren Fotos findet man unter http://www.ruhri.metromorph.org/reisen/baikal2005.html

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