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Camp 22 in Monachowo vom 05. - 15.08.2005

von Martin Dotterweich-Bort

Gleich zu Anfang habe ich nur die allerbesten Erfahrungen gemacht. Alle Russen waren stets sehr freundlich und hilfsbereit. Das hat schon bei der Einreise am Moskauer Flughafen begonnen. In der Hektik des Umsteigens ist es nicht unbedingt einfach (oder vielleicht auch unmöglich) sich dort ohne Hilfe zurechtzufinden. Aber ich hatte sofort Kontakt zu Leuten die entweder deutsch oder englisch sprechen konnten und so war es fast ein Kinderspiel. Karin Gorschewski hatte am Tag zuvor weniger Glück. Ihr Flugzeug hatte Verspätung und deshalb verpasste sie den Anschluss in Moskau und musste einen Tag warten. Und da bin ich schon beim einzigen Kritikpunk (sonst will ich mich wirklich nicht beklagen). Die Organisation verlief nicht immer perfekt: Unsere Registrierung z.B. war eine schier unendliche Geschichte, die ich am Ende nicht mehr richtig einschätzen konnte. Erst am letzten Tag hat Andrey Suknev die Registrierung in Ulan Ude aus dem Hut gezaubert nachdem unsere Pässe weiß Gott wo unterwegs waren. Da hat er uns schon hingehalten. Dafür hat er uns gut im Studentenwohnheim untergebracht, vom Flughafen abgeholt und am Ende dorthin zurückgebracht, die Marschrutkas nach Ust Bargusin pünktlich organisiert und er war stets sehr freundlich. Im entscheidenden Moment war er immer da!

Am 16. Juni kamen wir in Ust Bargusin an, nur kannte unser Fahrer den Treffpunkt nicht und auf der Hauptstraße vor der Fähre wurden wir nicht abgefangen. Dies sorgte nochmal für eine gehörige Verwirrung, am Ende kamen wir aber bei der Nationalparkverwaltung noch gut an. Aber zumindest bei mir hatte sich da schon die erforderliche Gelassenheit eingestellt und hat man diese, löst die Zeit alle weiteren Probleme.

Unsere russischen Campverantwortlichen waren Paulina (Brigadier), Ivan (Parkverwaltung) und Igor (Zimmermann). Sie selbst waren alle gut vorbereitet, der Aufgabe sehr gut gewachsen und überhaupt prima Leute. Nur die Ausrüstung war leider sehr einfach. Man wird in Russland ja bescheiden, aber eine zusätzliche lange Axt, eine längere Wasserwaage, eine Schnur, ein Senkel, ein Winkelmesser, und vor allem mehr wirklich dicke Nägeln wären außerordentlich hilfreich gewesen, wenn man einen Gebäudeanbau aus Kanthölzern errichten soll. Im übrigen waren die Kanthölzer für das Dach sehr sehr schwach, aber andere gab´s halt nicht. Unser Rohbau wurde nicht hundertprozentig fertig. Aber ich hoffe, dass die Russen später noch letzte erforderliche Maßnahmen zum Erhalt der Standsicherheit ergriffen haben.

Das Lagerleben hat uns allen gut gefallen und verlief in etwa so:

Aufstehen ab ca. 7.00, wer Lust hatte ging 5 Min zu Fuß an den Baikal zum waschen/baden. Dann Frühstück, nach dem kalten Wasser war ein heißer Tee nicht schlecht, und dann 2/3 vom Tag Arbeit. Je nach Tagespensum, Lust und Laune gab unser Brigadier den Rest des Tages frei. Da meist sehr sonniges Wetter herrschte, konnte man häufig (kurz) baden, in der Sonne liegen, lesen, schreiben, fischen (hab´s hier erst gelernt) und allmählich auch die nähere Umgebung zu Fuß erkunden. Letzteres war Paulina, glaub ich, wenn man nur zu zweit oder ganz alleine loszog, nicht so recht. Immerhin trug sie die Verantwortung für unser Wohlbefinden, aber gemeckert hat sie dann doch nicht. Natürlich entdeckte jeder in dieser Zeit für sich neue Dinge und Eindrücke bzw. machte neue Erfahrungen die man zu Hause niemals gemacht hätte. Für mich bestätigte sich die Erkenntnis wie wichtig nationen- und kulturübergreifende Begegnungen zwischen Menschen sind. Dadurch erst wächst gegenseitiges Verständnis, Respekt, Wissensaustausch, und das wertvollste: Frieden.

Neben unserem Lager wohnte eine kleine Familie mit einem erwachsenen ca. 20 jährigen Sohn, Alex. Er konnte einige Brocken Deutsch und Englisch. Zusammen mit meinen wenigen Höflichkeitsfloskeln auf Russisch haben wir immerhin ab und zu eine kleine Konversation zusammengebracht. Wir mussten ja täglich frisches Wasser in Fässern vom Baikal ins Lager holen und er hat mir einmal dabei gleich bereitwillig mit seinem Motorrad geholfen, als uns der Geländewagen von Iwan dafür nicht zur Verfügung stand. Es stellte sich heraus, dass ihn das leidvolle Schicksal seines Großvaters im 2. Weltkrieg, verursacht von deutschen Soldaten, heute noch sehr stark beschäftigte. Deshalb holte er mich sogar einmal um Mitternacht leicht angeheitert aus dem Zelt. Nun saß er gut gelaunt und Bier trinkend nachts am Lagerfeuer mit mir, einem harmlosen Deutschen. Und gleichzeitig begann in ihm ein Film abzulaufen, vom verhassten Feind, wie ihn die ältere Generationen und die Geschichtsbücher schildern. Er musste in dieser Nacht auf einmal ganz genau wissen auf welcher Seite ich stehe, musste sich vergewissern, dass ich kein Nazi bin und den Überfall Hitlers verurteile. Es hat mich selber sehr stark bewegt, dass dieser wesentlich jüngere Mann als ich, offensichtlich noch viel näher am familiären Kriegsleid lebt als ich. Krieg zerstört langfristig wesentlich mehr als man erkennen kann und die Aufarbeitung dauert wohl mehrere Generationen. Jetzt hab ich weit ausgeholt.

Noch kurz zu den geplanten Höhepunkten: da war einmal die Wanderung auf den mit 1400 m höchsten Berg der Insel, wobei es eigentlich mehr ein Gipfelsturm war. Der Anstieg und das Tempo waren heftig und die Wolken und der zeitweise Regen haben uns am Ziel leider nicht wirklich belohnt. Dennoch war auch dieser Streifzug vom Baikalstrand bis tief ins Landesinnere sehr schön. Da werd' ich wohl noch mal herkommen müssen, denn den Ausblick über diese wunderschöne Landschaft muss bei freier Sicht beeindruckend sein. Der Tag war abgesehen vom Zeitdruck beim Abstieg, weil unten schon ein Auto wartete, gut organisiert. Die Nacht davor hatten wir unsere Zelte nämlich abgebaut und nach 30 min PKW Transport über 10 km Buckelpisten der Insel am Baikalufer wieder aufgebaut. So hatten wir eine wunderschöne neue Umgebung und einen guten Ausgangspunkt für die Wanderung. An diesem Abend haben einige von uns am Strand einen Bären gesehen, wirklich. Ich selbst konnten das dunkle Wesen aus der Entfernung leider nicht mehr richtig erkennen, wohl aber große Prankenspuren im Sand. Wir haben dann alle fleißig Feuerholz gesammelt und geschürt. Am nächsten Tag sind wir nach der Wanderung nachmittags wieder mit zwei Autos zu unserem Camp zurückgefahren.

Nach weiteren Arbeitstagen machten wir am Ende unseres Aufenthalts auf Svjatoj Nos einen zweiten Ausflug, diesmal ging es mit dem Schiff nach Norden durch die Große Bucht. Wir besuchten den ausgedehnten Sandstrand südlich der Flussmündung des Bol. Tschiwirkuj, die heißen Quellen in der Schlangenbucht und das kleine verschlafene Dorf Kartun, das wir schon von unseren kleineren Wanderungen her kannten.

Am 29. Juni hieß es dann Abschied nehmen. Die Rückfahrt nach Ulan Ude verlief diesmal ganz ohne Probleme, nach den zwei Reifenpannen auf der Herfahrt. Nach zwei weiteren Tagen in Ulan Ude ging es endgültig zurück nach Hause. Geblieben ist der dringende Wunsch irgendwann einmal wieder zurückzukommen.

Ich danke Baikalplan e.V. für die Initiative, die für mich Anlass wurde dorthin zu reisen.

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