Interview mit Klaus Bednarz
Mit Klaus Bednarz sprachen am 13.09.2004 im WDR Fernsehfunkhaus Frank Fiedler und Tom Umbreit vom Baikalplan e.V..
Frage: Was waren Ihre Gedanken, als Sie das erste Mal am Ufer des Baikal standen, und wann war das?
Das erste Mal am Ufer des Baikalsees habe ich am Silvesterabend des Jahres 1979 gestanden. Und zwar habe ich damals Deutsche aus der DDR und der Bundesrepublik bei einem Treffen begleitet und über dieses deutsch-deutsche Treffen, das ansonsten ja nicht möglich war, einen Film gemacht. In Vorbereitung darauf hatte ich sehr viel gelesen, Prosa, Lyrik, sogar einige Lieder hatte ich im Ohr. Als ich dann aber am Ufer des zugefrorenen Baikalsees stand, hatte ich sofort das Gefühl, dass er eine Naturerscheinung ist, die mich überwältigt, die mich nicht loslassen wird. Und an diesem Silvesterabend 1979 habe ich für mich den festen Entschluss gefasst:
Irgendwann wirst Du einmal versuchen, einen großen Film über den ganzen Baikal zu machen. Zu Sowjetzeiten konnten Sie als ausländischer Tourist oder Journalist ja praktisch nur an einen einzigen Punkt an der Südspitze des Sees, nach Listwijanka und es war überhaupt nicht daran zu denken, dass es irgendwann einmal möglich sein würde, den Baikal in seiner ganzen Länge zu umfahren. Als dann der Zusammenbruch der Sowjetunion und damit die große Wende kam, war für mich völlig klar: Nun verwirkliche ich für mich diesen Traum und mache diesen Film. Das daraus 3 geworden sind, hatte ich eigentlich gar nicht geplant.
Frage: Seit Ihrer Trilogie "Ballade vom Baikalsee" ist der Baikalsee in Deutschland sehr populär geworden. Hat Sie das überrascht oder war das Ihre Intention?
Natürlich war schon bei den Dreharbeiten klar, dass es Zuschauer geben wird, die dieses grandiose Naturschauspiel auch gerne mit eigenen Augen sehen möchten. Und da ich sehr schnell gelernt hatte, dass die Menschen am Baikalsee kaum wirtschaftliche Perspektiven haben, außer vielleicht die im sanften Tourismus, war das natürlich ein Nebeneffekt, den ich sehr begrüßt habe. Dass nach der Ausstrahlung der Filme ganze Gruppenreisen mit meinem Buch in der Hand an den Baikalsee reisen würden, und nach Möglichkeit auf der Route fahren, auf der wir am Baikalsee unterwegs gewesen sind, war in diesen Dimensionen schon eine Überraschung für mich. Interessant ist auch, dass sich dabei tatsächlich viele Freundschaften zwischen deutschen Besuchern und Menschen am Baikalsee über die Jahre entwickelt haben. Ich kenne inzwischen viele Deutsche, die immer wieder an den Baikalsee zu ihren Freunden fahren, dort Urlaub machen, im Winter mit Fischen gehen und so fort. Mit solchen weitreichenden Folgen hatte ich wirklich nicht gerechnet oder gar damit spekuliert.
Frage: Worin sehen sie die Gründe, dass die Deutschen der Baikal und Sibirien so reizen?
Das liegt zunächst mal an Sibirien selbst. Sibirien ist ja traditionell für Deutsche ein Land, dass Sehnsucht und Furcht gleichzeitig weckt. Auf der einen Seite Sehnsucht nach unberührter Natur, nach riesigen Räumen, auf der andern Seite natürlich das Wissen um die Rolle Sibiriens nicht nur als Verbannungsort und Gefängnis der russischen Völker, sondern auch als Ort der Gefangenschaft für viele Deutsche. Und insofern ist Sibirien ein Name, der bei sehr vielen Menschen hierzulande in jedem Fall Emotionen weckt, angenehme und unangenehme. Es ist ein Land, und das mag ein Paradox sein, dass so kalt es auch ist, viele Deutsche nicht kalt lässt.
Wie kann man Ihrer Meinung nach bei den Menschen am Baikalsee ein stärkeres Bewusstsein für den Umweltschutz wecken? Viele Probleme dahingehend sind ja tatsächlich auch hausgemacht.
Da gebe ich Ihnen recht, aber: Wo sonst gibt es Lebens-Perspektiven für die Menschen am See, wo gibt es ökonomische Grundlagen für ihre Existenz, wenn nicht zum Beispiel in einem Zellulosekombinat wie in Baikalsk? Das belastet die Umwelt aufs Schwerste, ganz klar, aber an ihm hängt die Existenz einer ganzen Stadt... In dem Moment, in dem Menschen glauben, dass sie von einer Institution, einer Fabrik oder einer Unternehmung, die in ihrer Produktion die Umwelt schädigt, lebenswichtig abhängig sind, ist immer der ökonomische Gedanke der Dominierende. Das ist überall auf der Welt so. Und dann ist es immer schwierig, an die Vernunft zur Schonung der Umwelt zu appellieren und eine Änderung des Bewusstseins zu erzielen.
Ich glaube, ganz entscheidend ist, mit der ökologischen Arbeit in den Kindergärten und Schulen anzufangen und damit für die nachkommenden Generationen ein Gefühl für die Einmaligkeit und die Verletzbarkeit der Natur in dieser Region zu schaffen. Schon die Menschen, die ursprünglich am Baikalsee gelebt haben, sind ja mit ihm sehr pfleglich umgegangen. Sie haben gewusst, dass der Baikal sie ernährt. Die Burjaten beispielsweise haben früher nicht einmal einen Stein in den Baikalsee geworfen, weil der für sie ein lebendes Wesen war, dem sie keinen Schmerz zufügen wollten. Und auch heute, wenn sie in den Dörfern am See mit Einwohnern sprechen, sagen die: Wir leben vom Baikal, egal ob die Kolchose noch existiert oder nicht. Wir holen uns die Fische aus dem See und im Winter das Wild aus der Taiga und davon können wir, wenn auch eher schlecht, aber doch recht leben. Bei den nachwachsenden Generationen dieses Bewusstsein zu schaffen, dass der See in ihrer Region ihr Auskommen in vielerlei Hinsicht ermöglicht, ist glaube ich das mittel- und langfristig Wichtigste, was man tun muss, um dem Baikal eine Chance zu geben.
Trotzdem muss man natürlich weiter dafür kämpfen, dass dieses Zellulosekombinat auf lange Sicht zugemacht wird oder dafür, dass es endlich Mittel gibt, die Abwässer in den einzelnen Kommunen und Gemeinden nicht mehr so wie sie sind in den Baikal fließen zu lassen. Es sind stärkere Kontrollmechanismen gegen Raubfischerei vonnöten und man muss gegen die Korruption der Aufsichtsbehörden genau so kämpfen wie gegen den Wald- und Jagdfrevel an sich. Es gilt, der Zersiedlung durch Neureiche - gedeckt durch die Korruption der Behörden - endlich einen Riegel vorzuschieben... Die Liste ließe sich erweitern. Der Baikal ist auf den ersten Blick heute immer noch eine fast unberührte Naturschönheit, schaut man aber genauer hin, ist er eine Problemzone.
Was kann man von Deutschland aus zum Schutz und Entwicklung der Region tun?
Es hat ja schon eine ganze Reihe von Initiativen und Projekten gegeben, ob das einzelne Universitäten sind wie die Universität Osnabrück, die seit vielen Jahren dort unten Wirtschaftsprojekte initiiert oder große Behörden für Entwicklungshilfe wie die GTZ... Ich glaube, man muss immer versuchen, ein Netzwerk zu knüpfen, durch das ein möglichst direkter Kontakt zu den dort lebenden Menschen und aktiven Umwelt-Organisationen aufgebaut wird. Ich habe damals zum Beispiel sehr gute Erfahrungen mit der Baikalwelle in Irkutsk gemacht. Diese Netzwerke, die an der Basis greifen, sind meiner Meinung nach viel hilfreicher als die Fütterung großer russischer Fonds, von denen letztlich niemand weiß, ob sie die Gelder dahin verteilen, wo sie eigentlich gebraucht werden.
Wie wird ihrer Meinung nach Sibirien in 100 Jahren aussehen?
Wenn der Raubbau an der Natur so weiter geht, wie er zu Sowjetzeiten praktiziert wurde und wie er auch heute noch in vielen Teilen Sibiriens weitergeht, dann wird dort die Natur unwiederbringlich zerstört werden. In Riesengebieten findet ein letztlich unkontrollierter, industrieller Holzeinschlag statt, dessen Erträge von einer großen Mafia verschoben wird. Da werden Flächen von der Größe des Saarlandes abgeholzt - außerhalb jeder Kontrolle seitens des Staats!
Oder wenn die Wahnsinnsidee Wirklichkeit wird, am Ufer des Baikalsees entlang eine Pipeline zu bauen, und zwar wie zu Sowjetzeiten ohne einen Gedanken an die ökologischen Folgen zu verschwenden, dann ist meine Prognose nicht allzu optimistisch. Die Tatsache, dass eine der ersten Amtshandlungen des damals neuen russischen Präsidenten Wladimir Putin war, das Komitee für Umweltschutz aufzulösen und es stattdessen dem Ministerium zur Ausbeutung der natürlichen Reserven zu unterstellen, hat für mich Symbolcharakter für den Stellenwert, den der Umweltschutz unter der derzeitigen russischen Administration hat.
Welchen besonderen Reiz sehen sie darin, sich über ehrenamtliche Arbeit mit den Menschen vor Ort und der Region auseinanderzusetzen?
Die ehrenamtliche Arbeit ist eine ganz besonders Wichtige. Wenn Menschen etwas freiwillig und unentgeldlich tun, haben sie eine besonders hohe nichtmaterielle Motivation. Sie sind in der Regel sehr viel aufgeschlossener und sehr viel stärker bereit, sich auf die spezifische Situation vor Ort einzulassen und bringen auch ein sehr viel höheres Engagement mit als jemand, der heute in Saudi Arabien und morgen vor der deutschen Nordseeküste nach Öl bohrt.
Wie gehen Sie denn mit den Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschen und Russen um und wie haben Sie sich an die Gepflogenheiten Sibiriens angepasst?
Sich an die Gepflogenheiten Sibiriens anzupassen, ist nicht immer ganz einfach, wenn ich mir allein das russische Sprichwort vor Augen halte: 100 Kilometer sind keine Entfernung, 100 Tage keine Zeit und 100 Gramm Wodka nichts... Klimatisch gesehen kann man, glaube ich, mit der Kälte sehr viel besser umgehen als mit der Hitze. Man muss sich natürlich, wenn man in extremen Situationen ist - wir haben bei Temperaturen von Minus 40-50 Grad gedreht - schon der Natur anpassen und ihre Gesetze einhalten, weil sie immer die Stärkere sein wird.
Mit der Mentalität der Menschen in Russland und Sibirien habe ich nie von mir bewusst empfundene Probleme gehabt. Andere Länder, andere Sitten. Man tut natürlich gut daran, als Deutscher zu wissen, was es an fürchterlichen Dingen in der deutsch-russischen Geschichte vor allem im vergangenen Jahrhundert gegeben hat, was Deutsche diesem Land und diesem Volk angetan haben. Aber ich habe in den mehr als 30 Jahren, in denen ich jetzt in Russland umherreise nicht ein einziges mal erlebt, dass mir jemand feindselig begegnet wäre aufgrund der Tatsche, dass ich Deutscher bin. Wichtig war immer nur, wie wir uns heute als Deutsche unsere Miteinander mit Russland vorstellen, nicht das, was damals war. Ich persönlich fühle mich unter Menschen in Sibirien sehr wohl.
Was an Sibirien lässt sich NICHT in Bildern einfangen?
Was in Sibirien immer schwieriger zu filmen wird, sind die Spuren der Geschichte, der Lager, der GULAGS. Die Zeit lässt sie verwittern und verfallen, so dass im Sommer gelegentlich noch Fundamente oder umgestürzte Zäune aufgespürt werden können. Aber im Winter, wenn die dichte Schneedecke darauf liegt, ist kaum noch etwas zu finden. Aber ansonsten... ansonsten habe ich eigentlich in Sibirien keine Bilder vor meinem geistigen Auge gehabt, die wir nicht letztlich - unter welchen Mühen auch immer - mit einer Kamera realisiert haben.
Welches Souvenir haben Sie sich aus Sibirien mit nach Hause gebracht?
Das ist ganz unterschiedlich, mal eine Flasche Baikalwasser, mal eine Flasche Baikal-Wodka. Oder eine kleine Tierfigur, die mir ein Rentierhirte in Sibirien geschnitzt hat. Aber ich bin kein Souvenirjäger. Die wichtigsten Andenken an eine Reise sind für mich die Bilder, die ich in meinem Kopf mit nach Hause nehme, die Gespräche, die ich mit den Menschen dort hatte und die Bilder, die mein russischer Kameramann Maxim macht.
