GBT Winterprojekt 2008 - Im Winter nach Sibirien - bist du wahnsinnig?
von Rolf Sieber
Da war die Reaktion der Bekannten auf meine Ankündigung der Reise nach Severobaikalsk. Manchmal wusste ich wirklich nicht, auf was für ein Abenteuer ich mich, als doch eher älteres Semester einlasse.
Nun - am 10. März machte ich mich auf den Weg. Von Zürich gings per Flugzeug nach Moskau. Dann spürte ich bei der Fluggesellschaft S7 erstmals russische "Luft". Pünktlich hob die Maschinen in den Moskauer Nachthimmel ab. So nach etwa 2 Stunden brachte eine Durchsage die Passagiere in Unruhe: Novosibirsk hiess der ungeplante Stopover. Der Airport Irkutsk wurde wegen Schneefall geschlossen. Jetzt konnte ich mich endlich in die russische Reiserealität einfühlen und das für 6 Stunden. Mit dieser Verspätung traf ich in Irkutsk an. Paff: wo ist das Englisch geblieben! Hier in Irkutsk fühlte ich, dass ich die mühsam studierten kyrillischen Hieroglyphen nicht vergebens in mein Hirn paukte. Strassennamen in englisch - nichts - wir sind in Russland, etwas weiter weg vom weltoffenen Moskau.
Einsam und verlassen kämpfte ich mich durch den städtischen Verkehr in die Stadtmitte. Im Hotel, nach der erfrischenden Dusche fühlte ich mich schon etwas besser.
Meine ersten Schritte in Irkutsk führten mich zum Office von GBT. Dort traf ich Anja - unsere Wintercamp-Leiterin. Ich erfuhr Details über unser Camp in Severobaikalsk. Unser kleines Team: Marilyn aus Südafrika, Tanja aus St.Petersburg, Christian und Michael aus Deutschland und ich als Schweizer wird sich erst komplett in Severobaikalsk treffen.
Bis am Donnerstagabend habe ich mir Irkutsk angesehen und die Gepflogenheiten des russischen Alltags angeeignet. Pünktlicher als eine Schweizer Uhr startete unser Zug um 22:25 nach Severobaikalsk. Zusammen mit Anja, Marilyn, Christian und meiner Wenigkeit verbrachten wir 33 Stunden im Zug. Auch russisch Zugfahren will gelernt sein. Wir hatten Zeit, darüber nachzudenken wie erfrischend in einem überhitzten Bahnwagen eine Dusche wäre. Nach diesen 33 Stunden habe auch ich kapiert, dass eine Dusche und ein Schweizer WC nicht lebenswichtig sind!
In Severobaikalsk wurden wir von unseren Gastfamilien erwartet. Für mich begann jetzt das Reden mit Wörterbuch, Händen und Füssen, denn englisch war bei meiner Familie nicht so geläufig und mein Russisch genau so. Aber wir teilten miteinander tolle Tage, super Essen und einen Einblick in das Leben einer russischen Familie und die Familie erfuhr von mir wie es so in der Schweiz läuft.
Die "School of Tourism and Ecological Education (SHTEO)" und Aljona erwarteten uns Voluntäre sehnsüchtig. Auch Tanja und Michael fanden den Weg zu unserm Team.
Nach dem Stadtrundgang durch Severobaikalsk und dem ersten Testen der Eisstärke des Baikalsees begann unsere Arbeit. Von Baikalskoe wanderten wir zum Camp "Ekho" (Path to Boguchan). Lunch auf dem Eis war das Highlight für uns Eiswanderer! Am nächsten Tag planten wir einen frühen Start von den Slyudyanskie-Seen zu den Glimmerminen. Ein veritabler Sturm liess uns noch etwas im Camp verweilen. Später wagten wir uns doch nach Draussen. Jetzt bewahrheitete sich die Prophezeiungen wegen "wahnsinnig". Auf dem See blies der Wind wirklich wahnsinnig, der Nordpol schien in griffnähe! Doch wir schafften es bis zu den alten Minen. Zurück in Severobaikalsk brachten wir das "Gesehene" zu Papier.
Zurück in Sewerobaikalsk fing dann die richtige Arbeit an den Informationstafeln an. Parallel haben wir am Rechner ein kleines Wanderfaltflatt erstellt, das neben einer schwarzweißen Wanderkarte und der Beschreibung der Wanderroute auch ein paar Hintergrundinformationen über Flora, Fauna, den Baikalsee und die Geschichte der Umgebung enthält und ganz einfach vor Ort ausgedruckt oder kopiert werden kann. Neben einer englischen und einer deutschen Version, die fertig geworden sind, wird momentan (natürlich) eine russische Variante erstellt.
Bei der Neugestaltung der Informationstafeln wurde gleich eine revolutionäre Drucktechnik aus dem künstlerischen Bereich eingeführt, bei der beliebig gestaltete Ausdrucke mit Hilfe von Aceton direkt auf das Holz übertragen werden - so werden die Buchstaben viel gleichmäßiger und die Tafeln sehen viel professioneller aus. Alle so übertragenen und auch von Hand aufgemalten Texte und Bilder wurden dann mit Hilfe einer Art von kurzem Lötstab in das Holz eingebrannt. Drei solcher Informationstafeln sind in der kurzen Projektzeit fertig geworden und werden im Sommer von den Kindern des STEO entlang des Weges aufgestellt werden. Während der ganzen Zeit im STEO war es so, dass immer mal wieder Kinder in ihren Pausen vorbeischauten, was wir da eigentlich machen, spontan anfingen, uns zu helfen und nebenbei ihre Fremdsprachenkenntnisse üben konnten. Oft wurde unsere Arbeit auch von kurzen Stippvisiten in örtlichen Schulmuseen und Informationszentren unterbrochen, wir haben den orthodoxen Priester in seiner Kirche besucht und gaben zu guter Letzt eine Pressekonferenz, die die Bevölkerung in Sewerobaikalsk über all das informierte, was wir in den kurzen zehn Tagen gemacht und geschafft hatten.
Eine Wegbeschreibung dieser beiden Wanderungen und eine Camp-Orientierungstafel waren das Ergebnis unserer Teamarbeit. Aljona hatte für uns weitere unvergessliche Events vorbereitet. Burjatischer Abend mit Schulkinder, Besuche von Museen, Baden in den heissen Quellen von Gouduschekit waren einige der Highlights. Für mich als Schweizer Skifahrer war die Piste in der Nähe von Gouduschekit der nackte Wahnsinn! Alle Teammitglieder mit Ausnahme von Michael fanden diese Piste zu steil um heil runter zum kommen und sind hoch gewandert. Michael und ich haben uns dem ultimativen Wagnis ausgesetzt. Der Skilift mit den "persönlichen" Skiliftbügeln hätte einen Schweizer Bergbahninspektor glatt ins Grab gebracht. Wir hatten den Plausch mal russisch zu Skifahren und die Steilheit Piste war für unser Begriffe ganz im Rahmen von Schweizer Pisten. Die anderen haben später an einem Übungshang doch noch "Skiversuche" unternommen. Marilyn war total happy wenigstens auf Skier zu stehen - das erst Mal in Ihrem doch schon etwas länger dauernden Lebens!
Ein tolles Erlebnis und auch einen tiefen Einblick in russischen Tourismus hatten wir im Camp "School of Active Tourists Groups" in Baikalskoe. Schon das Dorf und die Gespräche mit den Einwohnern beeindruckten uns tief. Wer lebt in Mitteleuropa denn noch ohne fliessendes Wasser und das sogar in der Dorfschule?
Für die Schüler improvisierten alle Teammitglieder ein Tourist Info Center ihres Landes. Marilyn liess uns alle vor Neid erblassen: Sie gestaltete ihren Stand mit ihrem Mitgebrachten beinahe professionell. Ihr winziger Rucksack schien unendlich viel Platz für so viele Mitbringsel zu haben. An diesem Meeting beantworteten wir interessante Fragen der Schüler. Und auch unsere Neugierigkeit wurde von ihnen gestillt.
Langsam gingen unsere 12 erlebnisreichen Tage zu Ende. Kurs vor dem Abschied luden uns die Gastfamilien zum "Wintergrillen" an den Baikalsee ein. Etwas ausserhalb von Severobaikalsk am "Loveplace wurden wir mit einer überwältigenden Sicht auf das unendliche Eis des Baikals überrascht. Über dem Feuer brieten wird in traditioneller Art die Omols (der "Brot-Fisch des Baikals". Unsere russischen Freuden machten uns mit ihrem Brauchtum des "Winterverbrennens" bekannt. Eine den Winter darstellende Puppe wurde verbrannt. Dazu tanzten wir um das Feuer. Vor dem Verlassen des Loveplaces baten uns die Gastgeber ein Stoffstück um den Stamm einer Tanne zu binden. Nach buratischer Tradition soll dies die Rückkehr an den Baikal sichern. Wir haben uns dann für zwei verschiedene Tannen entschieden: Tanne 1 für die Rückkehr nach 1 Jahr und Tanne 2 für die Rückkehr nach 2 Jahren!
Nach dem Saunabesuch und einem deftigen Nachessen gings ans Abschied nehmen. Wir hatten wirkliche tolle Tage mit unserm Team - ohne irgendwelche Unstimmigkeiten. Es hiess Abschied nehmen von den Gastfamilien, von Severobaikalsk und von unseren unschlagbaren Teamleaders Anja, Aljona und Tanja. Marylin verliest uns per Auto über den Baikalsee Richtung Bargusin - Ulan Ude. Michael, Christian und ich bestiegen die Antonov 24 in Nishneangarsk nach Irkutsk. Glücklicherweise schaffte es das alte Ungetüm für mich bis nach Irkutsk und für Christian und Michael nach Ulan Ude. So trennt sich unsere Wege und bedeutete für alle, sich wieder in den Alltag in unseren Ländern einzuleben.
Was wir uns alle schwuren: Baikal, du wirst uns wieder Mal sehen - einige werden früher und andere etwas später zurückkehren!
Was ich nächstes Mal anders manchen würde:
- meine Russischkenntnisse vertiefen
- weniger Kleider/Wäsche mitnehmen.
