Camp 6 - Monachowo / Ostküste 16. - 29. Juli 2008
von Marco König
Russland. Für viele Leute nicht unbedingt ein erstrebenswertes Urlaubsland. Andere Sprache, eine doch etwas andere Kultur als in Westeuropa. Den gemeinen Mallorca-Urlauber wird es wohl mit Sicherheit nicht dorthin verschlagen, eher schon den interessierten Städtereisenden, der die Sehenswürdigkeiten und Schönheiten Moskaus und St. Petersburgs bewundern will. Aber Sibirien? Von Moskau aus nochmals mehr als 5000 km weiter gen Osten? Kälte, Verbannung, Kriegsgefangenschaft - das sind wohl die ersten Schlagwörter, die hierzulande immer noch viele Leute mit Sibirien assoziieren.
Doch auf mich übt genau dies alles eine gewisse Faszination aus. Nicht erst, seitdem ich den Abenteuerroman "Soweit die Füße tragen" von Josef Martin Bauer oder die "Ballade vom Baikalsee" von Klaus Bednarz gelesen habe. Russland, Sibirien, der Baikalsee... vielleicht eines der letzten Abenteuer dieser Erde!
Vor einigen Jahren stieß ich dann in der lokalen Zeitung auf einen Bericht über einen Teilnehmer des "Great Baikal Trail"-Projekts. Als ich damals diesen Zeitungsartikel las, fand ich so einen "Arbeitsurlaub" in Sibirien noch etwas befremdlich, aus dem Kopf ging mir dieses Hirngespinst jedoch nie. Und Jahr für Jahr wuchs in mir das Verlangen nach diesem Abenteuer. Beim "googeln" fand ich auch sofort wieder den "Baikalplan e.V." Noch schnell ein paar Informationen auf deren Homepage eingeholt, und schließlich reifte langsam, aber sicher der Gedanke in mir: do it!
Als ich den ersten Freunden von meinem Entschluss erzählte, erntete ich nur Kopfschütteln. Was mich in meiner Entscheidung letztlich nur bestärkte. Also, erstmal angemeldet auf der Volkshochschule zum Russisch-Kurs. Und einige Monate später wurde es dann auch schon recht konkret. Bald nach der Bewerbung für mein favorisiertes Projekt (die Modernisierung bzw. Fertigstellung weniger Kilometer Wanderweg auf der "Heiligen Nase", der größten Halbinsel des Baikalsees) kam von Baikalplan auch schon die Teilnahmebestätigung. Nicht nur, dass ich mich jetzt für das zweite Semester Russisch angemeldet habe, nein, jetzt wurden auch schon die Flüge gebucht. Und noch in Erwägung gezogen, die Strecke von Moskau nach Ulan-Ude mit der legendären Transsib zu fahren...
Lange Rede, kurzer Sinn: Am 9.Juli 2008 war es schließlich soweit. Wenige Tage nach Erhalt des Visums konnte das Abenteuer endlich beginnen. Um 5:31 Uhr morgens die S-Bahn in Nürnberg betreten, ab nach München und dort rein in den Flieger, den ich erst wieder nachmittags um ca. 15:00 Uhr Ortszeit in Moskau-Domodedowo verließ. Mit dem "Express-Train" ging es vom Flughafen zügig in die Innenstadt. Lediglich das Auffinden des Hostels entpuppte sich als erstes, jedoch geringes Problem. Mein erster Eindruck: Alle Russen sind freundlich und hilfsbereit, viele (vorwiegend junge) sprechen sogar einwandfrei englisch!
Im Vorfeld der Reise habe ich mich bereits mit einigen anderen Camp-Teilnehmern ausgetauscht. Zum Beispiel mit Irene und Sonja, den beiden Mädels aus Österreich. Es traf sich gut, dass die beiden die gleiche Idee hatten: nämlich erst ein bisschen russische Luft in Moskau zu schnuppern, um anschließend mit der Transsib nach Ulan-Ude zu reisen. Da unser email-Kontakt recht sympathisch verlief, haben wir vereinbart, uns am 9. Juli in Moskau im gleichen Hostel zu treffen, um dann zwei Tage später auch gemeinsam die Transsib zu nehmen. Selbst die Buchung der Zugtickets stellte über ein spezielles Reisebüro kein Hindernis dar. Nachdem wir nun zwei angenehme Tage in Moskau verbracht hatten (und trotz der kurzen Zeit relativ viel von der Stadt gesehen haben), ging es nun mit der Eisenbahn weiter gen Osten.
Auch dieses Abenteuer möchte ich nicht missen. Etwas mehr als drei Tage Zugfahrt, ca. 5400 km durch die russische Taiga...durch die Fensterscheibe konnte man die unendliche Weite und Größe dieses Landes erahnen. Die Fahrt selber war tatsächlich wie schon in den verschiedensten Reisedokumentationen gesehen: alle 4 bis 6 Stunden ein Stopp in einer größeren Stadt, wo einem am Bahnsteig schon die verschiedensten Bauchhändler erwarteten und ihre Waren feil boten. Brot, Obst, Gemüse, getrockneter Fisch, Eis, Zigaretten, Piroschki, Bier, Süßigkeiten. Für alles war gesorgt. Auch die Leute im Zug selber waren interessant. Zufällig, gleich im Nebenabteil drei deutsche Mädels. Birgit und Anett, die an einem anderen GBT-Camp in Tanchoi teilnahmen. Und Blanca, die für drei Monate an einem russischen Bauernhof arbeiten wollte, eine Art verkürztes "freiwilliges soziales Jahr". Außerdem noch Holländer, Belgier und natürlich Russen. Man hatte im Zugabteil seinen Spaß, notfalls klappte die Verständigung auch mit Händen und Füßen. Das Ende unserer Zugreise fand ich dann fast schon ein bisschen abrupt. 1-2 Tage mehr in der Transsib hätten mir überhaupt nichts ausgemacht, ganz im Gegenteil. Die Fahrt durch fünf verschiedene Zeitzonen, bei der man sich einfach fallen lassen konnte, war herrlich. Im Abteil schlafen, wenn man schlafen wollte - und im Gang stehen um mit den Leuten zu quatschen, wenn man Unterhaltung suchte. Man hat beides eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit haben können, man lebte irgendwann im völlig zeitlosen Raum und konnte voll relaxen.
In Ulan-Ude angekommen verlief auch dort alles unproblematisch. Mischa, ein Mitarbeiter von GBT, holte uns direkt am Bahnsteig ab und brachte uns mit dem Auto ins Hostel, wo wir noch eine Zwischenübernachtung eingeplant hatten. Vor unserem kleinen, nachmittäglichem Stadtbummel lernten wir dort dann auch gleich die ersten "Mit-Camper" kennen. Luba, eine junge Russin, die aber schon seit 8 Jahren in England lebt. Ben, ein Amerikaner, der schon zum wiederholten Male auf "Europa-Tournee" ist und schließlich Henner, ein weiterer Österreicher. Das ließ schon einen ersten Vorgeschmack auf unser Camp erkennen. Wir waren wirklich sehr international aufgestellt, wie sich am nächsten Morgen, beim offiziellen Treffpunkt am Lenin-Denkmal kurz vor der Abfahrt nach "Swjatoj Nos" (also zur heiligen Nase im Osten des Baikalsees), herausstellen sollte. Insgesamt waren wir 16 Leute aus 5 Nationen (5*USA, 4*Russland, 3*Österreich, 3*Deutschland, 1*Irland). Die jüngste 19, der älteste 66... wir waren ein wirklich bunt gemischter Haufen!
Nachdem bisher schon fast alles erschreckend genau nach Plan verlief, begann es jetzt bei der Busfahrt endlich einmal etwas abenteuerlich zu werden. Unser Bus war nämlich proppenvoll, schließlich mussten nicht nur wir mitsamt Gepäck darin verstaut werden, sondern logischerweise auch noch die Zelte, das benötigte Werkzeug sowie die Verpflegung für uns alle. Wie viel Proviant man braucht, um 2 Wochen lang 16 Mäuler zu stopfen, sollte sich mir später noch genauer erschließen. Doch dann hieß es erstmal: los gehts, und über sehr hügelige und sandige Pisten ging es dann Richtung Monachowo. Ich sah weder im Heck noch auf dem Boden unseres Busses irgendwo einen freien Zentimeter. Meine Überlegungen, was jetzt in dem voll beladenen Bus bei einer Vollbremsung passiert, wurden durch anfängliche Kennenlern-Spiele schnell verdrängt. So vergingen die ersten 3-4 Stunden fast wie im Flug. Nur blöd, dass wir statt der anvisierten 6 Stunden geschlagene 10 brauchten, um an unseren vorläufigen Zielpunkt im dortigen Sabaikalski Nationalpark zu gelangen.
Vorläufig deshalb, weil sich am Zeltplatz in Monachowo herausstellte, dass wir nach Katun, unserem eigentlichen Bestimmungsort, noch einen "kleinen Fußmarsch" absolvieren mussten. Es war schon kurz vor der Dämmerung, und ich dachte mir: machen wir das doch lieber alles heute noch als jetzt alle Zelte hier vor Ort aufzubauen, am nächsten Tag wieder abzubauen um sie anschließend in Katun wieder aufzustellen. Doch die Chefin entschied sich für die Zwischenübernachtung. Wie recht sie damit hatte, wurde mir erst am nächsten Tag so richtig bewusst. Der "kleine Fußmarsch" ging ca. 45 Minuten lang über 2 Berge. Vor allem die steile Anfangspassage hatte es in sich. Am Ziel angekommen galt es dann kurz zu verschnaufen, den Rucksack zu leeren und sich wieder auf den Rückweg zu machen. Schließlich wollte das Werkzeug und der Proviant auch noch transportiert werden. Mein erster Marsch mit nur meinem eigenen Gepäck auf dem Rücken erschien mir hinterher im Gegensatz zu dem nun folgenden wie ein Wandertag im Kindergarten! Beim zweiten Mal, mein Rucksack nun proppenvoll beladen mit Konservendosen, Kartoffeln, Brot usw. - in den Händen zusätzlich noch 2 Werkzeuge - erschien mir die Last mindestens doppelt so schwer. Aber gut, was uns nicht umbringt macht uns nur noch härter! Das ganze in etwas abgeschwächter Form dann noch ein drittes und letztes Mal...endlich war alles an unserem Zielort in Katun, wo die "Nicht-Lastenträger" schon die Zelte aufgestellt und die Feuerstelle errichtet hatten. Direkt am Sandstrand, nur rund 20 Meter vom Baikalsee entfernt...einfach nur geil, genau so hatte ich es mir in meinen Träumen ausgemalt!
Ich muss zugeben, am Anfang fremdelten alle noch etwas, verständlich bei so vielen Leuten. Unsere Gruppe hat sich aber, auch dank der vielen Spiele, die wir vor den Arbeitseinsätzen und abends am Lagerfeuer machten ("well, lets play mafia"), recht schnell gefunden. Sveta, unsere Dolmetscherin und zuständig für die verschiedenen "games", zeigte hier vollen Einsatz. So viele Leute, und so viel Spaß. Mir hat es wirklich prima gefallen!
Unser normaler Tagesablauf sah nun wie folgt aus: Um 8:30 Uhr mussten die beiden "Duties" (die beiden an diesem Tag zuständigen Küchendienstler) die Campgemeinschaft in ihren Zelten mehr oder weniger "wachbrüllen". Um 9 Uhr war Frühstück angesagt, um 10 Uhr dann die erste Arbeitsschicht bis 13 Uhr. Danach gings sofort zum Mittagessen über, anschließend Siesta bis 17 Uhr. Dann folgte die zweite Arbeitsschicht bis 20 Uhr, danach konnte der gemütliche Teil des Tages beginnen: Abendessen und bis zum open end am Lagerfeuer sitzen und Spiele machen. Oder reden über Gott und die Welt. Oder einfach nur den Vollmond über den Baikalsee bewundern, ein herrliches Schauspiel bei klarem Himmel!
Am Lagerfeuer jedenfalls offenbarte sich dann doch ein eklatanter Nachteil der Camp-Organisation. Zu trinken gab es eigentlich nur das Waser des Sees. Oder eben Tee, den wir damit aufkochten. Ein Abend am Lagerfeuer ohne Bier, nein, mehrere Abende am Lagerfeuer ohne Bier...nicht nur für mich unvorstellbar! Doch hier sollte uns der Zufall zu Hilfe kommen. Bereits am dritten Tag wurde noch ein Freiwilliger gesucht, der unsere Food-Managerin Elisabeth nach Kurbulik begleitet, dem nächst größeren Ort, indem es auch eine Bäckerei gibt. Schließlich mussten für die nächsten 5 Tage 25 Laib Brot organisiert werden. Spontan meldete ich mich, und spätestens nach dezenten Hinweisen eines Deutschen, eines Österreichers und eines Iren war mir klar, dass ich bei dieser Wanderung zwei Aufträge zu erfüllen hatte! Im Zielort angekommen mussten wir feststellen, dass die Bäckerei schon geschlossen hatte. Allerdings konnten wir den Wohnort der Bäckerin ausfindig machen und bei ihr höchstpersönlich das Brot für den nächsten Tag ordern. Auf dem Rückweg schließlich schlug dann meine Stunde. An einem Strand auf etwa halbem Weg konnte ich einige "kühle Blonde" ergattern. Selten wurde ich von einer Horde Menschen so freundlich empfangen wie bei meiner Rückkehr ins Camp, die Biere waren im Nu verteilt. Mein Auftrag für den nächsten Tag, wenn es darum ging, unsere bestellten Brote abzuholen, war somit klar. Das geflügelte Wort vom "Brot" machte von nun an die Runde. Und meine Bestimmung als "business man" war plötzlich auch klar definiert: ich hatte auch "Brot" zu kaufen, wenn wir eigentlich noch genug zu essen hatten...). Nun denn, was macht man nicht alles, um die gute Stimmung abends am Lagerfeuer aufrecht zu erhalten...!
Auch sonst hatten wir viel Spaß im Camp:
- Conor, der Ire, und Ben, mein amerikanischer Zeltpartner, bauten tagelang eifrig an einem Floß, mit dem sie den Baikalsee erobern wollten. Oder zumindest das andere Ufer. Als es dann endlich soweit war, hatte das Floß bereits nach wenigen Metern schon bedenklichen Tiefgang...
- Auch wurde der Volleyball des öfteren als Fußball missbraucht. Der deutsch-österreichische Ländervergleich ging dann natürlich auch klar zugunsten der Deutschen aus...
- Und nach einem verregneten Nachmittag beschloss schließlich der Großteil unserer Mädels, den Regen mit einem legendären "Sundance" zu vertreiben. Legendär war der Tanz dann wirklich, lediglich ob des Erfolgs gingen die Meinungen am nächsten Tag auseinander...
- Oder bei unserem Bootsausflug nach Hot Springs (eine Art "natürliches Thermalbad"), ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen. Hatten wir morgens noch einen etwas mürrischen, typisch russischen Bootskapitän, so erlebten wir Stunden später auf der Rückfahrt plötzlich den selbigen als heiteren Matrosen, der nahezu jedem Besatzungsmitglied für einige Zeit das Steuer überließ und den männlichen Teilnehmern auch gerne etwas von seinem Wodka abgab...
- Und als Highlight geht natürlich auch unser Abschlussabend in die Geschichte ein. Unser mittlerweile leeres "Food-Tent" wurde zur Banja umgebaut, in der nicht nur reichlich Wodka floss, nein, auch der "drunken sailor" wurde darin ausführlich besungen. Was einige müde Camp-Teilnehmer am Schlaf hinderte und sie doch wieder ans Lagerfeuer kommen ließ...
Vielleicht konnte man manchmal wegen dem Werkzeug verzweifeln oder einfach nur den Kopf schütteln, aber das hängt wohl auch mit der persönlichen Erwartungshaltung jedes einzelnen zusammen. Nachdem ich viele Erfahrungsberichte früherer Teilnehmer gelesen hatte, erwartete ich in Russland grundsätzlich "das Schlimmste" und bin damit gut gefahren bzw. dann eben auch nie enttäuscht worden. Ganz im Gegenteil, umso mehr freute ich mich, wenn alles doch so funktionierte wie geplant - und das war auch nahezu immer der Fall. Auch muss man sich im Klaren darüber sein, dass die Werkzeuge vor Ort nicht frisch aus dem Baumarkt sind. Es handelt sich ja doch nur um einen relativ kleinen Verein, hauptsächlich bestehend aus Ehrenamtlichen, der nicht gerade über einen üppigen finanziellen Background verfügt.
Letztendlich war die Arbeit nicht schwer und auch abwechslungsreich. Mir hat es Spaß gemacht, schließlich wurde sogar die jeweils dreistündige Arbeitsschicht zur Mitte hin mit etwas Tee und Plätzchen versüßt. Der mit Abstand härteste Job für mich war jedoch der des Duty! Nicht nur, dass die Nachtruhe bereits um 7 Uhr vorbei war und man erstmal das Feuer entfachen musste (was nach einer verregneten Nacht durchaus ein Geduldsspiel werden kann). Die Essenszubereitung ist alles andere als ein Kinderspiel. Zwei Töpfe über dem Lagerfeuer erhitzen und zum Kochen bringen (einen für das Essen, den anderen für den Tee), dazwischen Holz hacken und nachschüren. Immer aufpassen, dass das Feuer nicht ausgeht und schauen, ob noch genügend Feuerholz vorhanden ist. Der ganze Aufwand (für drei Mahlzeiten) dreimal am Tag - damit kann man schon einen Menschen allein von morgens bis abends beschäftigen! Der zweite kann sich dann "in aller Ruhe" um das eigentliche Essen kümmern, sprich: schneiden, schälen, andünsten etc. Und in den "Pausen" darf man zu zweit schließlich noch das komplette Geschirr der ganzen Crew abspülen...wirklich, dies war mein mit Abstand härtester Tag im Camp!
Auch das Wetter hat während meines Aufenthalts mitgespielt. Zwar war ein Tag komplett verregnet, aber ansonsten hielt sich das schlechte Wetter in Grenzen. Das richtig gute allerdings auch, aber ich habe mir sagen lassen, das wir dort das absolut durchschnittliche, sibirische Sommerwetter genossen haben. Meist war es bewölkt bis leicht sonnig bei ca. 15° bis 20° Grad. Auf jeden Fall warm genug, um in unserer Bucht täglich in den Baikal zu springen um zu baden oder im Wasser eine Runde Volleyball zu spielen. Lediglich abends konnte es manchmal etwas kühl werden, aber dafür hatten wir ja unser Lagerfeuer. Auch hatten wir das Vergnügen, zweimal ein Gewitter über den Baikal aus sicherer Entfernung beobachten zu können, mitsamt Blitz und Donner. Ich konnte dem Ganzen eine gewisse Faszination nicht absprechen.
Nach dem bereits erwähnten Abschlussabend, an dem wir Volunteers noch mit einem selbst gebackenen Kuchen und Urkunden überrascht wurden, erfolgte die Heimreise. Die verlief eigentlich genau so wie die Anreise, sprich: erstmal mussten wir wieder unser Gepäck über die zwei Hügel zurück von Katun nach Monachowo bringen. Allerdings genügte diesmal ein einziger Marsch. Das Essen hatten wir in den beiden Wochen schließlich verputzt, und für den Transport der Werkzeuge fand sich glücklicherweise ein netter Fischer, der sogar alles umsonst mit seinem Boot an Ort und Stelle brachte. Somit bauten wir die Zeltstadt noch ein weiteres Mal auf und genossen unseren letzten Abend am Baikalsee in aller Ruhe. Wehmut kam auf. Am nächsten Morgen wurden wir wieder von unserem Bus abgeholt, der uns wieder in 10 Stunden nach Ulan-Ude brachte. Die (russische) Zivilisation hatte uns wieder! Dort mussten dann auch schon die ersten Abschiedsgrüße verteilt werden, der Großteil allerdings blieb noch eine letzte Nacht im Hostel in Ulan-Ude, dass ich ja bereits von meiner Anreise kannte. Doch am nächsten Morgen hieß es auch für mich, endgültig Abschied zu nehmen. Zusammen mit Karsta und Robert, den beiden anderen Deutschen, fuhr ich mit dem Zug nach Irkutsk. Diese 9 Stunden kommen mir plötzlich vor wie ein Katzensprung. Nach einem kurzen, nicht mal ganz zweitägigem Aufenthalt in Irkutsk war meine Zeit in Sibirien dann aber endgültig abgelaufen. Mit einer russischen Airline ging es um früh um 5:30 Uhr nach Moskau, von dort am gleichen Tag weiter nach München. Und mit der Deutschen Bahn schließlich zurück nach Nürnberg. Nach über 24 Stunden Heimreise und fast 4 Wochen Russland betrat ich wieder meine Wohnung! Ein irgendwie unwirkliches Gefühl überkam mich, als ob dies alles nur ein Traum gewesen wäre.
Gedanken schießen mir durch den Kopf: was nun, hat mich eigentlich genau dorthin verschlagen? Wohl zum Großteil die pure Abenteuerlust! Das Bedürfnis, mal etwas komplett anderes machen zu wollen. Das Gefühl, die pure Natur erleben zu wollen. Das Kochen am Feuer, das Schlafen im Zelt, das handwerkliche Arbeiten. Einfach den kompletten Gegensatz zum Leben im normalen deutschen "Standard" und zur heimischen Bürowelt genießen zu können. "Back to the roots", sozusagen! Außerdem natürlich die schon eingangs erwähnte Faszination, die Russland bzw. Sibirien auf mich ausübt. Die etwas andere Kultur, mit kyrillisch eine komplett andere, nicht westeuropäische Sprache! Es war wohl die Kombination von all diesen Dingen.
Und was habe ich davon bereut? Nichts, absolut gar nichts! Ganz im Gegenteil, es war ein grandioses Erlebnis. Ich bin mit so vielen neuen Freunden und Impressionen heimgekehrt, so dass ich letztendlich nur eines bereute: dass ich nicht länger bleiben konnte!
So bleibt mir zum Abschluss meines Berichts nur noch eines übrig: ein herzliches DANKESCHÖN an alle Beteiligten los zu werden, und zwar an:
- Baikalplan, die auf Fragen im Vorfeld eigentlich immer zügig geantwortet haben und Hilfestellung geben konnten.
- "meine" beiden Österreicherinnen Irene und Sonja, mit denen ich bereits vor dem Camp herrliche Tage in Moskau und in der Transsib erleben durfte.
- alle anderen Camp-Teilnehmer, die ein wirklich schönes, lustiges und störungsfreies Camp ermöglichten. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Verantwortlichen Tanya (Crewleader), Sveta (Translator) und Elisabeth (Foodmanager), die sich meiner Meinung nach besten Wissens und Gewissens um einen gelungenen Verlauf des Camps gekümmert haben.
