Zurück

GBT Winterprojekt 2007 - eine unglaubliche Erfahrung

von Katharina Fricke

Du wolltest schon immer mal ein Star sein? Wissen, wie es sich anfühlt, andauernd dem Blitzlichtgewitter des Fotografen ausgesetzt zu sein? Autogramme zu geben wo immer Du gehst und stehst? Du wolltest schon immer in Hunderten von Fotoalben verewigt werden? Fahr nach Sibirien... dort werden Deine Träume wahr. Zumindest, wenn Du am nächsten GBT Winterprojekt teilnimmst.

Bevor wir zu Hause in Berlin losfuhren, erreichte uns eine kurze Nachricht von Aljona, unserer Projektchefin am Nordbaikal, in der stand, dass sich das Programm kurzfristig geändert habe (typisch Russland eben). In den ersten Tagen sollten wir nun an einem Schülertreffen teilnehmen, um die Idee der ehrenamtlichen Arbeit quasi als lebendiges Beispiel vorzuführen und zu verbreiten. Wirklich gespannt auf das Treffen mit einheimischen Kindern, das Leben in einer sibirischen Familie und den sibirischen Winter, trafen wir in Irkutsk ein, wo wir Sascha und Anja, unseren Gruppenchef und unsere Übersetzerin, und die meisten anderen Projektteilnehmer trafen. Nach einer langen, aber dennoch kurzweiligen Zugfahrt trafen wir am Morgen des ersten Projekttages in Sewerobaikalsk und somit in den Armen unserer Gastfamilien ein, die scheinbar in einem ehrgeizigen Wettbewerb miteinander standen, wer es schafft, seinen Gast am meisten kulinarisch zu verwöhnen. Leider mussten wir sie schon sehr bald wieder verlassen, um an besagtem Schülertreffen, nämlich dem jährlichen Treffen der aktiv im Tourismus engagierten Schüler der Nordbaikal-Region, teilzunehmen.

Noch immer fehlen mir die Worte, um diese unglaublichen Tage zu beschreiben - stellt Euch eine Grundschule vor, ein wenig unruhig, es riecht auf den Gängen nach Kreide, die Toiletten sind kleiner - klingt ganz normal. In jedem Klassenzimmer war allerdings der Boden mit Isomatten und Schlafsäcken bedeckt, mit Decken und Kopfkissen, auf jedem der kleinen Tische stehen Teetassen, Thermoskannen und unglaubliche Berge von Keksen - und die "paar Kinder", von denen die Rede war, entpuppten sich als Meute von 126 (in Worten: einhundertsechsundzwanzig) Schülern zwischen zehn und siebzehn Jahren. Die nächsten beiden Tage waren vollgestopft mit verschiedenen Programmpunkten, vom Simulieren einer Pressekonferenz (natürlich waren wir, die "internationalen Freiwilligen", diejenigen, die interviewt wurden) bis hin zu kleinen Arbeiten im Dorf wie Schneesschippen vor der Bibliothek oder Müllsammeln entlang der Hauptstraße, von Erzählungen über ehrenamtliche Arbeit in Deutschland, Österreich und China bis zu gemeinsamer Morgengymnastik in der Turnhalle, von handgemalten Postern bis hin zu Computer­präsentationen, von Geschichtenabenden hin zu gemeinsamem Singen am Abend (großen Eindruck kann man machen, wenn man ein paar deutsche Lieder - am besten mit Gitarrenbegleitung - singen kann), von permanent fotografiert werden bis hin zum selber Bilder machen von Kindern, die nach Autogrammen fragen. Und das war nur der Anfang unseres unglaublichen Winterprojektes.

Weiter ging es mit einer Tageswanderung auf dem „Pfad nach Bogutschan“, einem bereits bestehenden Wanderweg, für den wir in den nächsten Tagen Informationstafeln gestalten sollten. Leider war der Weg durch den Wald teilweise knietief verschneit, so dass wir mehrere Kilometer auf dem Eis des zugefrorenen Baikalsees gewandert sind… eine lange Reihe von zehn internationalen Freiwilligen, drei GBT-Mitgliedern, vier Kindern der Sewerobaikalsker Tourismus-Schule STEO und einer Lehrerin der Schule, begleitet von einem Hund aus dem Dörfchen Baikalskoje und einem ehrgeizigen Fotografen auf Skiern, die im Gänsemarsch hintereinander durch den knöchelhohen verharschten Schnee stapfen, unter dem eine mindestens einen Meter dicke Eisschicht das Wasser des Baikal bedeckt. Eine atemberaubende Landschaft, mit dichten und lichten Wäldern am Festland, mit bizarren Eisformationen entlang des Ufers, in der Ferne der leicht verschwommene Blick auf die Berghänge des gegenüberliegenden Ufers, die sich majestätisch über den See erheben. Absolute Windstille und strahlender Sonnenschein, der einen dazu zwingt, wahnsinnig alberne Sonnenbrillen zu tragen - der sibirische Frühling kann unglaublich warm sein. Nach etwa 18 Kilometern erreichten wir dann die Touristenbasis „Echo“ am Ufer der beiden Glimmerseen (Sludjanski-Seen), in der wir mit starkem Tee und einem leckeren Abendessen erwartet wurden. Ein herrlicher Tag, der gleich nach dem Essen mit der Planung und Ideensammlung für die nächsten Tage weiterging: einige der alten Informationsschilder aus Holz mussten komplett restauriert und auch neu gestaltet werden, weitere ganz neue Tafeln sollen im kommenden Sommer entlang des Weges aufgestellt werden und außerdem gab es keine vernünftige Wanderkarte, die dem Reisenden die natur- und kulturhistorischen Besonderheiten entlang des Weges näher brachte. Aber das war noch nicht alles - ein emsiger Mensch des STEO hatte bereits einige Tage zuvor mit dem Bau einer kleinen Schneestadt auf dem größeren der beiden zugefrorenen Glimmerseen begonnen und brauchte ein wenig Unterstützung bei der Fertigstellung. Mit Sägen, warmen Klamotten und Sonnencreme ausgerüstet, halfen wir ihm am nächsten Tag beim Anlegen einer Rodelbahn für Kinder, die am unteren Ende von zwei Schneemauern begrenzt wurde und beim Bauen zweier iglu-ähnlicher Gebilde. Natürlich mussten wir (nur aus Sicherheitsgründen, versteht sich) ausprobieren, und so verbrachten wir einen weiteren sonnigen Nachmittag an der frischen Luft mit Schlittentestfahrten und wilden Schneeballschlachten, bei denen glücklicherweise die Igluwände Schutz boten. Dieser Tag ging weiter mit einem ganz geheimen GBT-Aufnahmeritual, in dem wir, nachdem wir in zwei Gruppen einen Hindernisparcour gemeistert hatten, am Lagerfeuer von Väterchen Baikal ganz offiziell in den Kreis der GBT-Freiwilligen aufgenommen wurden und endete schließlich mit einem Talentwettbewerb, in dem jeder Teilnehmer seine verborgenen Talente präsentierte - von Singen bis Jonglieren, vom Radschlagen bis zum Münzweitwurf mit dem Bauchnabel (erstaunlicherweise geht das wirklich) und von Kindergartenspielen bis hin zu kurzen Theaterimprovisationen war alles dabei.

Zurück in Sewerobaikalsk fing dann die richtige Arbeit an den Informationstafeln an. Parallel haben wir am Rechner ein kleines Wanderfaltflatt erstellt, das neben einer schwarzweißen Wanderkarte und der Beschreibung der Wanderroute auch ein paar Hintergrund­informationen über Flora, Fauna, den Baikalsee und die Geschichte der Umgebung enthält und ganz einfach vor Ort ausgedruckt oder kopiert werden kann. Neben einer englischen und einer deutschen Version, die fertig geworden sind, wird momentan (natürlich) eine russische Variante erstellt. Bei der Neugestaltung der Informationstafeln wurde gleich eine revolutionäre Drucktechnik aus dem künstlerischen Bereich eingeführt, bei der beliebig gestaltete Ausdrucke mit Hilfe von Aceton direkt auf das Holz übertragen werden - so werden die Buchstaben viel gleichmäßiger und die Tafeln sehen viel professioneller aus. Alle so übertragenen und auch von Hand aufgemalten Texte und Bilder wurden dann mit Hilfe einer Art von kurzem Lötstab in das Holz eingebrannt. Drei solcher Informationstafeln sind in der kurzen Projektzeit fertig geworden und werden im Sommer von den Kindern des STEO entlang des Weges aufgestellt werden. Während der ganzen Zeit im STEO war es so, dass immer mal wieder Kinder in ihren Pausen vorbeischauten, was wir da eigentlich machen, spontan anfingen, uns zu helfen und nebenbei ihre Fremdsprachenkenntnisse üben konnten. Oft wurde unsere Arbeit auch von kurzen Stippvisiten in örtlichen Schulmuseen und Informationszentren unterbrochen, wir haben den orthodoxen Priester in seiner Kirche besucht und gaben zu guter Letzt eine Pressekonferenz, die die Bevölkerung in Sewerobaikalsk über all das informierte, was wir in den kurzen zehn Tagen gemacht und geschafft hatten.

Natürlich konnten wir im Gegensatz zu den Sommercamps unsere Abende schlecht draußen am Lagerfeuer verbringen. Stattdessen hatten der GBT und STEO ein buntes Programm für uns organisiert. Es gab einen Sibirischen Kultur-Abend mit Gesang, Tänzen, Spielen und traditionellen Gerichten, die zum großen Teil unsere Gastfamilien vorbereitet hatten, wir waren bei einer Außentemperatur von -32°C in der Banja, wir bereiteten einen Abend mit Internationaler Küche vor, an dem alle Freiwilligen typische Gerichte aus ihren Ländern kochten (na gut, es gab Krautrouladen mit Kartoffelsalat und hinterher Kaiserschmarrn ?), wir waren in einer Sauna, und hatten ein paar (nicht zwingend ruhigere) Abende, die wir, redend, radebrechend, fotoalbenbetrachtend, gestikulierend und lachend mit unseren Gastfamilien verbrachten.

Und viel zu schnell waren diese zehn Tage Arbeit und Spaß, geprägt von Kälte und Schnee draußen und Hitze in den Häusern, vorbei. Wir haben wunderschöne Landschaften gesehen, bei Außentemperaturen von -15°C heiße Quellen besucht, viel mit den Kindern gearbeitet, neue russische Worte gelernt, haben ein wenig die Sibirische Kultur entdeckt und ich wage zu behaupten, dass wir alle auch neue Freunde gefunden haben.

Zurück